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By Herbert
#5143 Wir (Lehrerehepaar und Fotografen aus der Steiermark) sind schon seit einigen Jahren im Rahmen der Städtepartnerschaft Leibnitz - Pedra Badejo vor Ort tätig.
Im Feber und März werden wir eine interkulturelle Naturführerausbildung
mit Lehrern und Schülern des örtlichen Gymnasiums fortsetzen.


Hier ein Text dazu, der für entwicklungspolitisch Interessierte vielleicht erhellend sein könnte: (- über Kontakte mit ebensolchen Reisenden würden wir uns freuen.)

Entwicklung und Tourismus in Pedra Badejo, Santiago, Cabo Verde

Man braucht kein Prophet zu sein, um einen dramatischen „Clash of Civilisations“ vorherzusehen, wenn nun die touristische Entwicklung in Pedra Badejo beginnt.
Westliche Touristen, die sich vom warmen Klima, den billiger werdenden Flügen und der politischen Stabilität Cabo Verdes anlocken lassen, werden in Pedra Badejo möglicherweise nicht ganz das vorfinden, was sie erwartet haben.
Sie werden hier nicht abgeschirmt sein in der künstlichen Welt bewachter Resorts wie auf Sal oder Boavista. Hier werden sie ein oder zwei Wochen „in der Stadt“ verbringen, im Hotel, gleich an der Strasse und über dem schwarzen Sandstrand.
Wenn sie das Hotel verlassen, werden sie knöcheltief im angeschwemmten Müll am Strand stehen. Sollte dieser weggeräumt werden, so gibt es einen regelmäßigen Nachschub durch hunderte Mistkübelladungen täglich, die von den Häusern auf der Platform im Meer landen. Der unablässige NO-Passat und die Strömung spülen alles an den städtischen Strand.
Sollte der abenteuerlustige Tourist das Hotel verlassen und seine
Schritte auf dem steilen Pfad in Richtung Stadt lenken, so begrüßt ihn der ätzende Gestank menschlicher Fäkalien. Chemische Kriegsführung gegen harmlose Touristen? Nein, bloß die Freilufttoilette einer schnell wachsenden Drittweltstadt.
Sollte der Tourist beschließen, die grünen Oasentäler zu erkunden, so wird er von einer Kinderhorde eskortiert werden die „muni, muni“ schreit. Wenn er ihr Verlangen nach Geschenken nicht zu ihrer Zufriedenheit befriedigt, werden sie ihn mit Steinen bewerfen.
Sollte der Tourist von jener Sorte sein, die manche Destinationen in Thailand oder Kenia in Freiluftbordelle verwandelt hat, so wird er den Teenagern der Stadt Pedra Badejo das schnelle Geld und einen langsamen Tod bringen.
All das ist vielerorts passiert.
Andererseits könnten auch die Bürger Pedra Badejo’s ihre ersten Begegnungen mit westlichen Touristen ziemlich enttäuschend finden.
Auf dem schwarzen Strand schauen Touristen zunächst bleich und rosarot aus. Farblich den kleinen kapverdischen Ferkeln nicht unähnlich, nur von beträchtlich größerem Volumen. Nach einigen Tagen unter der Tropensonne werden sie sich verfärben und aussehen wie eine frisch gekochte Languste.
Am Strand und in den Oasentälern werden sie herumspazieren, lächerliche Hüte auf dem Kopf und schwere Schuhe an den Füßen, schweißtriefend und behängt mit Kameras und Ferngläsern.
Sie werden in allen Ecken der Stadt herumkriechen und ihre Nase in private Häuser und Gärten stecken.
Wenn man sie freundlich und direkt um Geld angeht, wird sich ihre Mine verdüstern und sie werden sich wegdrehen. Nicht gerade das Verhalten, das man sich von einem reichen Menschen erwarten würde. Keine Spur von der Bereitwilligkeit zu teilen, die Afrika so menschlich macht.

Wie können also diese unterschiedlichen Welten, westlicher Tourismus und die Realität einer kapverdischen Provinzstadt, ohne allzu große Konflikte, einander näher gebracht werden?
Es könnte für beide Seiten von Gewinn sein, einige Ideen zu bedenken:
1.) Sowohl Reisende als auch Bereiste müssen vorbereitet und informiert sein, um die gegensätzlichen Welten zu verstehen.
2.) Diese Information und andere Planungsmaßnahmen müssen stattfinden bevor die touristische Erschließung beginnt.
3.) Der Geldtransfer vom Touristen zum Einheimischen (eine Art Umverteilung) sollte auf angebotenen Dienstleistungen und ihrer Bezahlung basieren.
Wenn es kein Dienstleistungsangebot gibt, gibt es kein Einkommen.
4.) Ausgebildete Tourist Guides mit Fremdspachenkenntnissen können sowohl für Touristen als auch für Einheimische nützlich sein.
5.) Der Tourist in Pedra Badejo wird vor allem an der Natur
interessiert sein. Er schätzt die natürliche Schönheit des Bezirks Santa Cruz.
Tourismusgeld muß die erreichen, die arbeiten, um diese
Schönheit zu erhalten (= Landwirte).
6.) Kleingruppen von Touristen, begleitet von ökologisch und kulturell geschulten Führern sind weniger intrusiv und destruktiv. Sie sind willkommen.
7.) Die touristische Entwicklung darf die Wasser-, Müll- und Abwassersituation der Stadt nicht verschlechtern sondern muß mithelfen, sie zu verbessern.
8.) Ein Tourismusbüro, das sowohl Touristen als auch Einheimische über alle relevanten Themen informieren kann, wäre wichtig.



In diesem thematischen Feld arbeiten wir seit 2003
Das Projekt wird getragen von eine Schulpartnerschaft zwischen dem Gymnasium Leibnitz und dem Liceu in Pedra Badejo.
Interessierten lessen wir gerne ausführliches Material zukommen!