Musik

Es ist, als hätte die Kapverdische Musik eine lange Reise zurückgelegt, bei der alle Erfahrungen, Bilder und Menschen verschiedenster Wurzeln sich zu einer einzigartigen Ausdrucksform verbunden haben, ohne deren Existenz die Inseln heute kaum vorstellbar sind.

Diese Musik spiegelt die verschiedensten Stile wieder, den Fado, die Polka und die Mazurka aus Europa. Aus Brasilien den Bossa Nova und die Samba, man hört die Trommeln Afrikas und den Merengue und den Zouk aus der Karibik. Die Weiterentwicklung der Kapverdischen Musik durch immer neue textliche und tonale Elemente geschah wie selbstverständlich, fast von selbst: denn die Musik der Kapverden war und wird immer eines sein: Ausdruck der innersten Gefühle, Träume und Sehnsüchte der Menschen, die sie kreieren und die nach ihr verlangen.

Geigenspieler auf den Kapverdischen Inseln
Geigenspieler auf den Kapverden

Durch die Emigration vieler Kapverdier nach Europa und Amerika, aber auch die tradierte jahrelange Unterdrückung im Sklavenhandel hat sich bei den Menschen ein ganz eigenes Gefühl von Sehnsucht entwickelt. Die so genannte „Saudade“, die auch aus dem Portugiesischen Fado bekannt ist, zieht sich wie ein Leitmotiv durch die Literatur und Musik der Inseln. Diese Empfindung zwischen Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit zu einem Menschen, Nostalgie, und dem Vermissen der Heimat ist quasi allgegenwärtig.

Jede Insel hat ihren eigenen Klang – die natürliche Umgebung ist schließlich sehr unterschiedlich und hört sich immer anders an. Geräte des Alltags wie Eisen, Plastik, Glassflaschen und Büchsen werden ebenso als Instrumente benutzt wie natürliche Materialien wie Holz, Muscheln und Kürbisse.

Wie wichtig die Musik für die Kapverdianer ist, wird deutlich, wenn man sich vor Augen führt, dass es  bei nur 400.000 Einwohnern stolze 5 Radiosender gibt, die nahezu 24 Stunden „on air“ sind. Ganz zu schweigen von den vielen Veranstaltungen mit Live-Musik oder den zahlreichen privaten Treffen, bei denen immer einer ein Instrument dabei hat, das plötzlich den Ton angibt.


Einzelne Stile

Ebenso wie in Sprache und Geografie unterscheiden sich die Inselgruppen des Barlavento und Sotavento auch musikalisch. Während im Barlavento deutlich die Wurzeln Portugals und Europas zu spüren sind, kann das Sotavento seine afrikanischen Einflüsse in der Musik  nicht leugnen: die Stile Batuco, Finançon, Funana und Tabanca sind sehr rhythmusdominiert. Lauter, oft improvisierter Sprechgesang, wiederholt sich hier immer wieder, teils in gegenseitigen Zurufen. Dagegen sind die melodiösen Lieder des Barlavento sehr melancholisch, sehr lyrisch. In metaphorischer Sprache klangvoll untermalt und meist in Moll geschriebenen erzählen die Lieder von Liebesleid und der Liebe zum Land, aber auch von politischer Ungerechtigkeit oder von der Natur.

Von den einzelnen Musikstilen seien hier die Wichtigsten, vor allem die bekannte Morna und die Coladeira, beschrieben:

Morna: Dieser sehr verbreitete Musikstil, dessen bekannteste Vertreterin Cesaria Evora ist, entstand auf São Vicente. Charakteristisch für ihn ist das Tongeschlecht Moll und das eher langsame, getragene Tempo. Die Texte sind voller Sehnsucht, Heimweh und Verlangen (“Saudade”), die Morna lässt die Gitarren weinen, so sagt man. Elemente des portugiesischen Fado sind deutlich herauszuhören, allerdings ist die Morna etwas beschwingter als der Fado. Gespielt wird mit Gitarren, “Cavaquinho” (kleine 4-Saitige Gitarre), Geige und einer 10-Saitigen Gitarre. Zu den bekanntesten Interpreten zählen Bau, Louis Morais oder Luis Rendall.
Coladeira: Da die Kapverdier sehr gerne feiern und tanzen, gibt es natürlich auch schnellere Musikformen. Die Coladeira ist, verglichen mit der Morna, aus der sie sich entwickelt hat, eine eher dynamische, rhythmische Tanzmusik mit eher heiteren Texten. Elemente des karibischen Zouk und der brasilianischen Samba sind sehr dominierend, musiziert wird mit Geigen, Gitarren und Mandolinen.

Funaná: Die Funaná, der dritte wichtige Musikstil, ist vor allem auf der Insel Santiago anzutreffen. Noch rhythmischer und schneller als die Coaldeira wird sie mit diatonischem Akkordeon (die Gaita aus Portugal) und dem „Ferrinho“, einem Eisenstab, auf dem mit einem Messer gekratzt wird, gespielt. Neuere Bands ersetzen die traditionellen Instrumente oft durch Keyboards und Drums. Zur Funaná tanzt man sehr eng miteinander, teilweise bis hin zur Ekstase. Die Texte erzählen von den Schwierigkeiten des Lebens und von aktuellen gesellschaftlichen Themen. Bekannte Bands dieser Musikrichtung sind beispielsweise Raizes und Ferro Gaita.

Batuko: Der Batuko-Stil stammt aus Santiago und weißt mit sehr vielen Perkussionselementen (Trommeln) die meisten afrikanischen Einflüsse auf. Der Tanz gleicht einem Ritual, bei dem der Sänger Ankündigungen vorträgt, Weisheiten zum besten gibt oder auch von Neuigkeiten und Gerüchten berichtet, die immer wieder von einem im Halbkreis sitzenden Chor (meist Frauen) beantwortet werden. Dazu bewegt sich eine Tänzerin auf die immer schneller werdenden Rhythmen.

Finançon: Auch der Finançon ist ein sehr rhythmischer, dem Batuko ähnelnder Stil, mit einem Anführer und einer trommelnden Frauengruppe. Getanzt wird hier allerdings nicht. Oft werden Plastiktüten verwendet, die durch Schläge zum Klingen gebracht werden. Die Texte erzählen von aktuellen Ereignissen, die mal lyrisch, mal humoristisch vorgetragen werden. Sowohl Batuko, als auch Finançon sind Bestandteil religiöser und politischer Veranstaltungen.

Cola: Die Cola aus Santo Antão ist ein Fruchtbarkeitsritual, das im Juni jeden Jahres mit Pfeifen und Trommeln gefeiert wird.

Tabanka: Diese Musikrichtung ist vor allem bei dem jährlich im Mai stattfindenden Tabanka-Festival afrikanischen Ursprungs zu hören. Hier wird mit Muscheln, Schellen und Trommeln zu Ehren der Vorfahren gespielt und getanzt. Die Menschen sind tragen in einer Art Umzug bunte Kostüme. Ein „König“, der “Rei Di Tanka”, ist in weißer Uniform gekleidet, geht der Parade voran und trägt das Emblem der Versammlung. Die Trommeln stehen symbolisch für die Spache “aller Menschen unter einem Gott mit einem Schicksal”.

Zouk: Bei den jungen Leuten ist moderne elektronische sehr populär. Auf den Kapverden hat vor allem der Zouk den größten Einfluss in der kommerziellen Musik. Er ist fast überall zu hören: im Taxi, auf den Straßen, in den Clubs und am Strand. Seine Wurzeln stammen von den französischen Karibik-Inseln Martinique und Guadeloupe. Gespielt wird auf Synthesizern, Bass, Schlagzeug und E-Gitarre. Seit die Gruppe Kassav Anfang der 1980er Jahre die neueste Studiotechnik aus Paris dazumixten, entstand ein völlig neuer Sound, ähnlich dem Reggae und der Salsa. Weitere Bands sind Livity und die in Holland lebende Gruppe Splash.


Festivals: Auf dem Archipel gibt es zahlreiche Musikfestivals, von denen die größten wohl das Festival von Praia de Gamboa (Praia) im Mai, Baia das Gatas (Sao Vicente) im August und Santa Maria (Sal) im September sind.